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Besondere Presseberichte über Görlitz
Hier finden Sie ausgesuchte Publikationen über Görlitz
Handelsblatt vom 25./26./27. September 2009/Nr. 185, Seite 34
Wunder an der Neiße
Serie Perlen im Osten: Immer mehr Menschen ziehen in die Innenstadt von Görlitz Von Christian Hunziker, Görlitz
Wunder gibt es immer wieder – zumindest in Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands. Seit 1995 überweist ein unbekannter Wohltäter der Stadtverwaltung alljährlich 511 500 Euro, verbunden mit zwei Auflagen: Das Geld muss der Sanierung der historischen Altstadt zugute kommen, und die Anonymität des Spenders ist um jeden Preis zu wahren. Über 500 Objekte haben in den vergangenen 14 Jahren von der so genannten Altstadtmillion (vor der Euro-Einführung waren es nämlich genau 1Mio. Mark) profitiert.
Und sie ist nicht das einzige Wunder an der Neiße. Zu DDR-Zeiten herabgewirtschaftet und nach der Wende unter Abwanderung leidend, schien die Görlitzer Innenstadt in Gefahr, zu einem Freilichtmuseum zu werden. „Mittlerweile haben wir die Talsohle verlassen“, sagt Lutz Penske, Leiter des Stadtplanungsamtes. „Görlitz ist heute eine Stadt mit Perspektiven.“ Tatsächlich hat sich die Einwohnerzahl bei gut 56 000 stabilisiert. Der Wanderungssaldo ist positiv: 2008 zogen 1 800 Menschen aus Görlitz weg, 2 000 Personen kamen neu an die Neiße. Rund ein Viertel davon waren Rentner aus Westdeutschland. „Es hat sich herumgesprochen, dass man im Alter in Görlitz sehr gut leben kann“, sagt Penske. Nebenbei knüpfen die Neu-Görlitzer an eine Tradition an: Im 19. Jahrhundert galt die Stadt als bevorzugter Ruhesitz pensionierter Beamter.
Doch nicht nur ältere Westdeutsche sollen in die Stadt ziehen. Das ist das Ziel des Projekts „Probewohnen“, mit dem das der TU Dresden angeschlossene „Görlitz Kompetenzzentrum revitalisierender Städtebau“ bundesweit für Aufsehen sorgte – und Menschen zurück in die Innenstadt holen will. Wer möchte, kann eine Woche lang kostenlos in einer von zwei Gründerzeitwohnungen mitten in Görlitz leben. „Wohnungen in Gründerzeitgebäuden sind in Ostdeutschland in vielen Fällen mit einem negativen Image behaftet“, stellt Jürg Sulzer, Leiter des Kompetenzzentrums und Initiator des Probewohnen-Projekts, fest.
Doch immer mehr Menschen scheinen die Vorzüge des Wohnens in der Innenstadt zu realisieren. „Wer heute als Investor in der Innenstadt ein Haus saniert, findet auch Mieter“, sagt Stadtplanungsamtschef Penske. Zwar liegt der Leerstadt im Zentrum noch immer bei rund 25 Prozent, aber mit sinkender Tendenz. Neu-Görlitzer ziehe es ausschließlich in die historischen Quartiere, sagt Penske. „Niemand kommt nach Görlitz, um im Plattenbau zu wohnen.“ Die Folge: In den DDR-Neubauvierteln stehen immer mehr Wohnungen leer. Der Trend in die Innenstadt wird sich nach Überzeugung von Lutz Thielemann verstärken, wenn ab 2011 die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für die polnischen Nachbarn gilt, sagt der Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsfördergesellschaft, die programmatisch Europastadt GmbH heißt – Görlitz setzt auf eine enge Kooperation mit der 40 000 Einwohner zählenden Nachbarkommune Zgorzelec.
Von der Grenzlage profitiert der Einzelhandel bereits heute. „Die Kunden aus Polen spielen eine erhebliche Rolle“, sagt Achim Weitkamp vom Maklerhaus Lührmann. Sorgen bereitet der Stadt allerdings, dass seit der Hertie-Insolvenz das 1913 eröffnete „Kaufhaus zum Strauß“ leer steht. Der Jugendstilbau mit beeindruckendem Lichthof gilt als eines der schönsten Warenhäuser Deutschlands.
Um Investoren bemüht sich die Stadt auch bei anderen Projekten. So schreibt sie derzeit Sanierung und Betrieb der 1910 errichteten Stadthalle aus, ein ehemaliges Klinikareal soll Demenz-Kompetenzzentrum werden. Zudem prüft die Europastadt, ob sich ein ehemaliger Güterbahnhof zu einem Logistikzentrum entwickeln lässt. Das Ziel für die Zukunft aber heißt: Die Görlitzer Innenstadt soll auf die Unesco-Welterbeliste. Vielleicht gelingt ja auch dieses Wunder.
Denkmal-Stadt
Glanzvolle Vergangenheit
Im Mittelalter war Görlitz, am Schnittpunkt zweier Handelswege gelegen, eine florierende Stadt, die durch den Tuchhandel reich wurde. Prachtvolle Gebäude in der Altstadt zeugen von dieser Epoche. Im 19. Jahrhundert erlebte die Kommune eine zweite Blüte, die sich in weitläufigen Gründerzeitvierteln niederschlug. Da die Stadt im Zweiten Weltkrieg unzerstört blieb, gibt es heute 3 600 Denkmale.
Schwierige Gegenwart
In den neunziger Jahren machte Görlitz mit einem enorm hohen Wohnungsleerstand in der Innenstadt Schlagzeilen. Der Hauptgrund dafür lag darin, dass die DDR die Errichtung von Plattenbausiedlungen vorangetrieben hatte, obwohl schon damals die Einwohnerzahl rückläufig war. Nach der Wende sank die Einwohnerzahl von 72 000 (1990) auf heute gut 56 000. Den Wohnungsleerstand in den Plattenbaugebieten beziffert die Stadtverwaltung auf 25 bis 30 Prozent, denjenigen in der Innenstadt auf 20 bis 25 Prozent.
Handelsblatt vom 25./26./27. September 2009/Nr. 185, Seite 34
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